Ergebnisse der Umfrage

Von Anna Klieber

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Anfang Oktober 2014, vor dem öffentlichen Start von philosopHER, wurde eine Umfrage unter den Philosophiestudierenden durchgeführt. Diese Umfrage zur Kampagne hatte mehrere Intentionen. Einerseits, einen Denkprozess anzuregen, oder zumindest Denkanstöße zu geben, sich nochmals, abgesehen von den anderen Angeboten der Kampagne, mit dem Thema „Frauen in der Philosophie“ auseinanderzusetzen. Andererseits, einen Eindruck vom Meinungsbild der Philosophiestudierenden zu diesem Thema zu gewinnen. Wie wird das Thema unter den Studierenden aufgefasst? Gibt es gewisse Problembereiche, denen begegnet werden sollte? Wie gestaltet sich die Wahrnehmung des durch ­philosopHER behandelten Themas unter den Studierenden der Philosophie?

In diesem Sinne richtet sich der Fokus der Umfrage auf die Wahrnehmung des Geschlechterverhältnisses am Institut und unter den Studierenden, die Repräsentation von Philosophinnen als Lehrende und als Gegenstand der Lehre, sowie auf etwaige Auffälligkeiten bezüglich Verhaltensweisen von Studierenden in Lehrveranstaltungen. Ein weiterer Teil der Umfrage richtete sich dezidiert nur an Studentinnen. Dabei ging es darum, konkret herauszufinden ob, und wenn ja mit welchen Problemfeldern sie sich konfrontiert fühlen – ob es spezifische Einstellungen zum Vorhandensein (oder Nicht-Vorhandensein) von Rollenvorbildern gibt, oder ob sie sich mit sexistischen Aussagen konfrontiert fühlen.

Laut der offiziellielen Studierendenstatistik der Uni Graz liegt das Geschlechterverhältnis bei ca. 40 % weiblichen und 60 % männlichen Philosophie studierenden. Dies entspricht auch immer ungefähr dem Geschlechterverhältnis der TeilnehmerInnen an der jährlich von der StV durchgeführten Studierendenumfrage. Es ist interessant, dass sich das Geschlechterverhältnis in der Umfrage zu ­philosopHER genau umgekehrt verhält – von den 71 ausgefüllten Fragebögen kamen knapp über 40 % von männlichen und fast 60 % von weiblichen Studierenden.

Allgemeiner Teil

(Umfrage unter allen Studierenden)

In diesem Zusammenhang scheint auch interessant zu sein, wie das Geschlechterverhältnis unter den Studierenden von ihnen selbst erlebt wird. Es wird vom Großteil der Befragten als ausgeglichen wahrgenommen. 47 % glauben, mit etwa gleich vielen Frauen wie Männern Philosophie zu studieren, 22 % nehmen mehr weibliche, 28 % mehr männliche Studierende wahr. Im Falle der Lehrenden spiegelt sich in etwa das Verhältnis der Lehrenden am Philosophieinstitut wieder – 89 % geben an, dass mehr Männer in der Lehre vertreten seien. Sowohl bezüglich der Geschlechterverhältnisse unter Studierenden als auch unter Lehrenden scheint sich bereits der Großteil der Befragten Gedanken gemacht zu haben – das geben 66 % bzw. 67 % der Befragten an. Tatsächlich zeigt die Betrachtung des Geschlechterverhältnisses unter Lehrenden des Philosophieinstituts, dass Frauen unter den LektorInnen mit nur 32 % vertreten sind, auch sind nur 20 % der AssistentInnen weiblich. 100 % ordentlichen Professuren sind männlich besetzt.

Geschlechterverhältnis Studierende | Create Infographics

Geschlechterverhältnis Lehrende | Create Infographics

Des Weiteren stellt eine umfassende Dimension der Befragung die Frage, ob sich hinsichtlich der Wahrnehmung von Verhaltensweisen von Studierenden in Lehrveranstaltungen gewisse Muster bzw. Strukturen erkennen lassen.

In Zusammenhang damit waren insbesondere Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Studierenden in der verbalen Mitarbeit im Unterricht von Interesse. Die Meinung der Studierenden bezüglich der Frage, ob männliche Studierende sich eher als weibliche verbal in den Unterricht einbringen, spaltet sich in zwei Lager – 54 % der Studierenden stimmen dieser Aussage eher oder voll zu, 46 % stimmen gar nicht oder eher nicht zu. Auch bei der Frage nach Unterschieden zwischen verbaler Mitarbeit männlicher und weiblicher Studierender verhält sich die Aufteilung ähnlich – 52 % empfinden keine Unterschiede, 48 % stimmen der Aussage, dass Unterschiede in der Mitarbeit bestehen, zu. Ein Gegensatz tut sich allerdings auf, wenn man die Ergebnisse zur Frage, ob männliche Studierende im Unterricht zurückhaltender als weibliche sind, betrachtet. 91 % der Befragten geben an, dass dies eher nicht oder gar nicht der Fall wäre. Nur 9 % stimmen eher zu, volle Zustimmung zu der Aussage äußern 0 %.

Studierende I | Create Infographics

Studierende II | Create Infographics

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Studierende IV | Create Infographics

In Verbindung damit erscheint es interessant, dass 51 % der Studierenden angaben, sich sehr ungern oder ungern in Lehrveranstaltungen verbal einzubringen. 30 % stufen sich im Mittelfeld zwischen „sehr ungern“ und „sehr gern“ ein, während nur 19 % sich „sehr gern“ oder „gern“ einzubringen scheinen. Von denjenigen aber, die angaben sich „sehr ungern“ oder „ungern“ einzubringen, ist der überwiegende Anteil mit 72 % weiblich. Im Gegensatz dazu sind 64 % jener Studierenden, die sich „gern“ oder „sehr gern“ in den Unterricht einbringen, männlich.

Es wird deutlich, dass sich hier der eine oder andere Widerspruch auftut. Wenn nämlich generell die Wahrnehmung dahin tendiert, dass sich sowohl männliche als auch weibliche Studierende gleichermaßen in den Unterricht einbringen, scheinen die individuellen Empfindungen der einzelnen Studierenden damit nicht vollkommen übereinzustimmen. Zwar kann nicht davon ausgegangen werden, dass alle StudentInnen, die angeben sich nicht gerne einzubringen, dies auch tatsächlich nicht tun – dies müsste auf andere Art oder mit zusätzlichen Fragen erhoben werden. Nichtsdestotrotz könnte aber angenommen werden, dass hier gewisse Effekte in der Wahrnehmung des Problems zum Tragen kommen. Wird die Mitarbeit männlicher und weiblicher Studierender auch gleichermaßen wahrgenommen? Inwieweit stimmt die Selbsteinschätzung der Studierenden mit der tatsächlichen Aktivität in Lehrveranstaltungen überein?

Um diese Fragen zumindest ansatzweise auch abzudecken, wurde ebenfalls erhoben, ob Studierende ihre derzeitige Präsenz in Lehrveranstaltungen zu Gunsten aktiverer verbaler Mitarbeit ändern wollten – 28 % geben an, dass sie sich gerne mehr einbringen würden, 12 % sind zufrieden so, wie es ist, und 59 % meinen, sich teilweise mehr einbringen zu wollen. Besonders interessant ist, dass jeweils genau die Hälfte der Studierenden, die diese Frage mit „Ja“ beantwortet, Frauen bzw. Männer waren. Von jenen, die mit „Nein“ geantwortet haben, war mit 57 % über die Hälfte der Antworten von weiblichen Studierenden. Ähnlich verhält es sich mit den Angaben zur Kategorie „teils/teils“ – von jenen, die diese Antwortmöglichkeit gewählt haben, waren 59 % weiblich und 41 % männlich. Die Frage nach Besonderheiten in der Wahrnehmung oder eventuellen Effekten im Antwortverhalten ist somit nicht geklärt. Deutlich werden allerdings einige Differenzen, deren Ursprung und Reproduktion nicht in einer quantitativen Umfrage beantwortet werden kann. Festzustellen bleibt, dass es bezüglich des Verhaltens von Studierenden in Lehrveranstaltungen ein unterschiedlich ausgeprägtes und verschiedenartig geäußertes Meinungsbild gibt.

Mündliche Mitarbeit | Create infographics

Einen weiteren wichtigen Bereich stellt die Frage nach der Behandlung von Philosophinnen in Lehrveranstaltungen dar. Die Antwortmöglichkeiten gestalteten sich auf einer Skala von 1-4 von „sehr oft“ bis „nie“, wobei die Mehrheit mit 87 % angibt, „selten“ oder „nie“ Philosophinnen in Lehrveranstaltungen begegnet zu sein. In Zusammenhang damit geben 63 % der Studierenden an, sich eine stärkere Behandlung von Philosophinnen zu wünschen, während allerdings 35 % mit der derzeitigen Situation (also der schwach ausgeprägten Behandlung von Philosophinnen) zufrieden zu sein scheint. Die Frage nach Philosophinnen als Gegenstand der Lehre drängt besonders in Zusammenhang damit, dass seit Wintersemester 2007 zwar 94 Lehrveranstaltungen zu Philosophen oder Werken von Philosophen gehalten wurden, aber nur eine Lehrveranstaltung zu einer Philosophin. Die Tatsache, dass es nicht Common Sense zu sein scheint, Seminare ausschließlich über eine Philosophin zu halten, könnte eine über Jahre hinweg geprägte wissenschaftliche Tradition in der Philosophie widerspiegeln. Dies scheint zumindest in gewissem Maße eine Erklärung dafür zu sein, wie sich die Verhältnisse reproduzieren.

Frauen in der Lehre I | Create Infographics

Frauen in der Lehre II | Create Infographics

Spezifischer Teil

(Umfrage nur unter Studentinnen)

Bezüglich (fehlender) Rollenvorbilder in der Geschichte der Philosophie scheinen unter den weiblichen Studierenden durchaus unterschiedliche Meinungen vorzuherrschen. 35 % der Befragten meinen, „ja“ – es fehlt an weiblichen Rollenvorbildern, 26 % vertreten die gegenteilige Meinung, während 38 % hier keine konkrete Aussage treffen wollen. Diese Ergebnisse können unterschiedlich interpretiert werden. Einerseits kann dieses Meinungsbild den Sachverhalt widerspiegeln, dass kaum Philosophinnen in der Lehre behandelt werden, und somit wenige Frauen bekannt sind, die als Rollenvorbilder fungieren könnten. Andererseits könnte aber auch angenommen werden, dass Studierende dennoch weibliche Philosophinnen kennen, die Rollenvorbilder darstellen, oder gar keine weiblichen Rollenvorbilder wollen oder brauchen. Dennoch – unter den praktizierenden Philosophinnen vermissen immerhin 48 % weibliche Rollenvorbilder. Dies spiegelt das Meinungsbild von fast der Hälfte der weiblichen Befragten wider.

Die Frage nach der besseren Identifikation mit weiblichen Lehrenden wird von 84 % damit beantwortet, dass es für sie keinen Unterschied macht, ob sie von weiblichen oder männlichen Lehrenden unterrichtet werden. In Kontrast mit dem zum Ausdruck gebrachten Fehlen von Rollenvorbildern scheinen sich hier mehrere Dimensionen aufzutun, denen weitergehend nachgeforscht werden müsste. Ein eindeutigeres Ergebnis resultierte aus der Frage nach der Konfrontation mit sexistisch interpretierten Aussagen im Philosophiestudium – 87 % der weiblichen Befragten meinen „nein“, 13 % „ja.“.

Identifikation | Create Infographics

Rollenvorbilder I | Create Infographics

Rollenvorbilder II | Create Infographics

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Die an sich lobenswerte Befragung scheint doch deutlich zu beweisen, dass die Frage für Studierende, ob w/m, nicht dringlich ist. Dem ist auch von Seiten der Lehrenden wenig hinzuzufügen. Dass die philosophiegschichtliche Tradition eine immense Maskulinisierung aufweist, weiß eigentlich jeder/jede – die Gründe müssen vermutlich nicht ein weiteres Mal aufgezeigt werden. Heute zählt das Argument. Es st schlicht undenkbar, dass in einer philosophischen Diskussion Personalisierungen vorgenommen werden, in welche Richtung auch immer (Alter, Geschlecht, Professionalisierung usw.). Durch die Internationalisierung des Forschungsbetriebs, dieser Aspekt wird kaum thematisiert, ist im literalen Mediensdiskurs durch Texte nicht einmal mehr eine Geschlechtszuordnung auf Anhieb möglich. Ich habe das durch einen Blick auf die Liste von Neuerscheinungen auf philosophos.de festgestellt, als ich etwa 40% der angegebenen Vornamen der AutorInnen geschlechtsmäßig nicht identifizieren konnte. In meinen LVs zur Philosophiedidaktik ist seit Jahrzehnten das Geschlechterverhältnis w:m ca. 6:1. Und das gilt auch für die Lehrenden.

    • Lieber Herr Zeder,
      aus der Umfrage geht sehr deutlich hervor, dass Studentinnen Rollenvorbilder, sowohl in der Philosophiegeschichte (also als Gegenstand des Unterrichts) als auch als Lehrende fehlen, und das Studentinnen sich weniger in den Unterricht einbringen. Dass die, ebenfalls erhobene, allgemeine Wahrnehmung davon eine andere ist, ist ein eigens zu diskutierendes soziales Phänomen.

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