Frauen in der Wissenschaft

Von Melanie Geckl, Anna Klieber und Georg Reiter

Die Wissenschaft war und ist ein männlich dominiertes Feld. Frauen waren darin lange Zeit, wenn überhaupt, nur eine Randerscheinung und zumeist vom institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb gänzlich ausgeschlossen. Seit etwas mehr als 100 Jahren ist die Forschung an den Universitäten nun auch für Frauen geöffnet – aber auch heute noch bestimmt das Geschlecht, wie gut die Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere stehen.

Historische Belege für Wissenschaftlerinnen reichen lange zurück – sowohl in den Denkschulen des antiken Griechenlands als auch in den Nonnenklöstern des Mittelalters waren Frauen wissenschaftlich tätig, wenn ihre Leistungen auch oft nicht wahrgenommen oder tradiert wurden. Mit der Verlagerung der Wissenschaft auf die Universitäten wurden Frauen ab der Neuzeit jedoch stärker von der Wissensproduktion ausgeschlossen. Dies änderte sich erst im späten 19. Jahrhundert, als Frauen erstmals an den Universitäten und somit zum wissenschaftlichen Arbeiten zugelassen wurden. Ein eindeutiges Bild systematischer, (nicht nur) institutionell-rechtlicher Benachteiligung von Frauen im akademisch-wissenschaftlichen Bereich ergibt sich bei der Betrachtung der Situation der Universitäten und des Bildungssystems im Allgemeinen in der jüngeren österreichischen Geschichte. Zur Zeit des Österreichisch-Ungarischen Ausgleichs (1867) war die über das Volksschulniveau herausgehende Bildung von Mädchen, die getrennt von der der Knaben verlief, staatlich nur wenig geregelt und gefördert. Bis 1927 gab es keine staatlichen Mädchenschulen mit Matura. Seit 1872 waren Frauen zum Antritt zu den Matura-Prüfungen in Österreich berechtigt. Mit dem Bestehen dieser Prüfung erhielten sie jedoch im Gegensatz zu männlichen Maturanten nicht das Recht – wie eine Verordnung aus dem Jahr 1878 festlegt – sich an einer österreichischen Universität zu immatrikulieren. Diese Einschränkung mag ein wesentlicher Grund dafür gewesen sein, dass bis 1895 nur ca. 25 Frauen die Matura erfolgreich absolvierten. Es wurde zwar Frauen ab 1878 durch einen Erlass in seltenen Einzelfällen gestattet, an Vorlesungen teilzunehmen, jedoch erfolgte eine allgemeine Zulassung weiblicher Studierender erst 19 Jahre später. Die erste ordentliche Studentin an der Universität Graz war Seraphine Puchleitner, die sich 1898 für Geografie immatrikulierte.

Seitdem haben Frauen deutlich aufgeholt, was das Studieren betrifft. In Europa ist das Verhältnis zwischen Studentinnen und Studenten ausgeglichen. Frauen stehen theoretisch alle Türen für eine akademische Karriere offen. Doch mit jeder Stufe auf der wissenschaftlichen Karriereleiter verringert sich die Zahl der Frauen deutlich. Liegt der weibliche Anteil bei den ordentlichen Studierenden an den österreichischen Hochschulen bei über 50 %, geht er beim wissenschaftlichen Personal bereits auf knapp 35 % herunter und erreicht bei den Universitätsprofessorinnen nur magere 20 % (Bericht des BMWFW „Wissenschaft in Österreich 2014“). Dieses Phänomen der abnehmenden Frauenanteile je steigender Karrierestufe wird als „leaky pipeline“ bezeichnet – weil die Frauen unterwegs scheinbar irgendwo „versickern“. Ein weiterer Begriff, der die unsichtbaren Aufstiegsbarrieren für Frauen in die Spitzenpositionen bezeichnet, ist die „gläserne Decke“. Fazit ist also, dass, obschon Frauen in den letzten ­Jahren und Jahrzehnten in der Wissenschaft durchaus aufholen konnten und mittlerweile auch nicht mehr nur in sozial- und geisteswissenschaftlichen Fachbereichen, sondern auch in Naturwissenschaften vertreten sind (vgl. Von Stebut 2003, 14), es dennoch implizite Hürden zu geben scheint.

Früher gab es für die Unterrepräsentation von Frauen in wissenschaftlichen Berufen häufig sexistische und biologistische Erklärungen – etwa, dass Frauen für intellektuelle Tätigkeiten weniger geeignet seien, weil ihre Gehirne kleiner sind als Männerhirne (was aber selbstverständlich keinen Schluss auf die intellektuellen Fähigkeiten zulässt, und daher nur als Beispiel für biologistische Scheinargumente verwendet werden kann). Heute wird der geringe Anteil von Frauen in der Wissenschaft vor allem mit sozialen Faktoren erklärt: mit dem Weiterwirken traditioneller Geschlechterhierarchien und Geschlechterrollen in der Gesellschaft. Denn die traditionelle Frauenrolle, die in unserer Gesellschaft noch immer vorherrscht, ist mit einer wissenschaftlichen Karriere schwer vereinbar. Von Frauen wird weiterhin erwartet, zugunsten von Kinderbetreuung, Familie und Hausarbeit auf eine Karriere zu verzichten. Hinzu kommen weitere Gründe: Durch den Mangel an Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen fehlt es auch an Vorbildern für weibliche Lebensentwürfe in der Wissenschaft. Und auch strukturelle Benachteiligung von Frauen spielt im Wissenschaftsbetrieb nach wie vor eine große Rolle. Studien haben gezeigt, dass Frauen bei gleichem Lebenslauf unbewusst als geringer qualifiziert eingestuft werden und ihnen automatisch die Qualifikation abgesprochen wird – und das auch von Menschen, die sich selbst nicht unbedingt als SexistInnen betrachten (Eine Studie der Yale University zeigte 2012, dass fiktive BewerberInnen mit weiblichen Vornamen bei identischem Lebenslauf automatisch als geringer qualifiziert eingeschätzt werden, als jene mit männlichen Vornamen). Forschende Frauen arbeiten durchschnittlich – auch bei gleicher Qualifikation – in niedriger gestellten Positionen als ihre männlichen Kollegen. Das Geschlecht einer Person fällt also noch immer stärker ins Gewicht, als ihre Leistung. In diesem Sinne ist eine durchaus relevante Dimension im Zusammenhang mit Geschlechterungleichheiten die gesellschaftliche Wahrnehmung dieser Probleme – oder viel mehr noch die Tatsache, dass diese Probleme zumeist eben nicht als solche wahrgenommen werden. Der Common Sense in der Gesellschaft hinsichtlich dieses Themas hält wenig kritische Betrachtung oder Tendenzen bereit, die Strukturen und Dynamiken hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse im Wissenschaftsdiskurs zu hinterfragen.

An den österreichischen Hochschulen wurden in den letzten Jahrzehnten verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den Frauenanteil in den wissenschaftlichen Führungspositionen zu erhöhen und die Hierarchien durchlässiger zu machen. Langsam zeigen diese Schritte auch Wirkung und der Professorinnenanteil erhöht sich jedes Jahr leicht. Doch erst wenn sich die alten Vorurteile und ungerechten Rollenverteilungen auch in den Köpfen verabschiedet haben, wird die Wissenschaft wirklich ihr Geschlecht verlieren. Viel mehr aber sollte die Wissenschaft selbst dazu beitragen, solche Strukturen zu dekonstruieren, als diese durch Reproduktion von Wissen und Machtverhältnissen noch mehr zu verfestigen.

Literatur:
James Albisetti: Mädchenerziehung im deutschsprachigen Österreich, im Deutschen Reich und in der Schweiz, 1866-1914. Übersetzt von Margarete Grandner. In: Frauen in Österreich. Beiträge zu ihrer Situation im 19. Und 20. Jahrhundert. Hrsg. von David Good, Margarete Grandner und Mary Jo Maynes. Wien, Köln, Weimar: Böhler 1993.
Nina von Stebut: Eine Frage der Zeit? Zur Integration von Frauen in die Wissenschaft (= Studien zur Wissenschafts- und Organisationssoziologie, 3). Opladen: Leske + Budrich 2003.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.