Wo sind die Philosophinnen?

Von Dora Lenart

Es scheint, dass es kaum Philosophinnen gibt, dass es kaum Philosophinnen gab, und, dass es in der Zukunft auch wenige geben wird. Aber warum ist das so? Wo sind die Philosophinnen geblieben, wo könnten wir sie finden? Und noch wichtiger: Wo sollten sie sich befinden?

Das sind Fragen, die dieser Text beantworten möchte. Um das erfolgreich zu schaffen, beginnen wir mit der Darstellung einiger Frauen aus der Geschichte der Philosophie.

Im 23. Jahrhundert v. Ch. lebte in Akkad die Priesterin Enheduanna (um 2285 v.Ch. – um 2250 v.Ch.), eine der ersten Frauen, die in historischen Texte erwähnt wird. Sie war nicht nur als Priesterin, sondern auch als Liebhaberin der Weisheit bekannt. Im Tempel von Nanna, wo sie Priesterin war, forschte und dokumentierte sie Mathematik, Wissenschaft und Kunst. Enheduanna verfasste mindestens 48 Gedichte, in vielen schrieb sie über die Weisheit und wie man sie erwirbt. Sie meinte, dass allein die Beschäftigung mit Astronomie, Mathematik und Politik bedeutet, dass jemand auf der Suche nach der Weisheit ist.

Enheduanna beschäftigte sich also schon früher mit der Philosophie, als etwa Pythagoras. Und auch die Pythagoreer waren keine exklusiv männliche Gemeinschaft. Eine der bedeutendsten Pythagoreerinnen war Theano (frühes 5. Jahrundert v. Ch.). Laut römischen Quellen war sie die Frau von Pythagoras und Mutter seiner vier Kinder, drei davon Töchter, die auch Pythagoreerinnen waren. Für die Römer war sie die Verkörperung weiblicher Tugenden und Weisheit. Neben Briefen über das Verhalten von Frauen, schrieb sie angeblich auch philosophische Schriften, meistens über die Tugendlehre, und lehrte Mathematik. Nach dem Tod von Pythagoras war sie laut einigen Quellen auch die Leiterin seiner philosophischen Schule.

In den platonischen Dialogen tauchen dann die Namen von drei Lehrerinnen des Sokrates auf: Pythia, Priesterin im Orakel in Delphi, Diotima, die aber auch nur eine Figur in platonischen Dialogen sein könnte und Aspasia (um 470 v.Ch. – um 420 v.Ch.). Sie war die Gründerin eines philosophischen Salons in Athen, wo sie nicht nur Gastgeberin, sondern auch geschätzte Rednerin war, und, laut einigen Quellen, auch nach politischem Einfluss strebte.

Obwohl das Mittelalter eher von Männern geprägt wurde und die Position der Frau benachteiligend war, gab es auch in dieser Zeit einige bedeutende Frauen, die man auch zu den Philosophinnen zählen könnte. Bekannt ist Hrotsvit von Gandersheim (um 935 – um 973). Sie ist schon in jungen Jahren in das Gandersheimer Stift eingetreten und war dort Kanonissin. Sie gilt als die erste deutsche Schriftstellerin. Im Stift erhielt sie eine gute Ausbildung im Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie) und in den humanistischen Fächern des Triviums (Grammatik, Dialektik und Rhetorik). Sie konnte dort auch ihre literarischen Ambitionen sehr gut ausüben. Viele ihrer Werke schmückte sie mit den Elementen philosophischer und theologischer Gedanken.

Eine bedeutsame Philosophin des Mittelalters war Hildegard von Bingen (1098 – 1179). Sie galt unter anderem als Dichterin, Musikerin, Philosophin und Mystikerin, war also eine universalgebildete Frau. Sie wurde oft um Rat gefragt und stand in Briefkontakt mit vielen wichtigen Politikern und Kirchenvätern, denen sie auch zu widersprechen wagen durfte, und die sie beriet. Man kann gewiss sagen, dass sie eine hoch geschätzte und geachtete Ratgeberin war, die großes Interesse an politischen und gesellschaftlichen Ereignissen hatte.

Aus der Zeit der Aufklärung sei Anne Conway (1631 – 1679) erwähnt, eine englische Philosophin. Durch ihren Bruder, der in Cambridge studierte, kam sie in Kontakt mit Henry More, der sie über die Philosophie Rene Descartes‘ unterrichtete. Bald war sie seine gleichwertige Gesprächspartnerin. Ihr einziges erhaltenes Werk ist „Principia philosophiae antiquissimae et recentissimae“, das 1690 ohne Autorennennung in Amsterdam erschien. Auch Gottfried Wilhelm Leibniz hat dieses Werk besessen und ließ sich beim Begriff der „Monade“ von ihr beeinflussen.

Nächste Philosophin in dieser kurzen Aufzählung ist Eleanor Marx (1855 – 1898). Sie war das jüngste Kind von Karl und Jenny Marx. Ihr ganzes Leben hat sie dem Marxismus und dem Sozialismus gewidmet und war unter anderem Befürworterin des Feminismus und der Gedankenfreiheit. Sie war Mitglied der „Social Democratic Federation“ und war in viele Proteste und Streiks verwickelt. Sie war unter den Gründern der Arbeitergewerkschaft und schrieb viele Beiträge für die Zeitschrift „Commonweal“.

Einige Dekaden später wurde noch eine an der Politik interessierte Philosophin geboren, Hannah Arendt (1906 – 1975). Sie hat sich intensiv mit der Politik beschäftigt und war der Meinung, dass die aktuelle Politik in der philosophischen Tradition zu oft ignoriert wird. Sie ist berühmt für ihre Werke über den Totalitarismus und was sie im Bezug darauf die „Banalität des Bösen“ nannte. Sie begriff den Menschen als ein politisches Wesen mit der höchsten Bestimmung, sich am öffentlichen Leben zu beteiligen und kommunikativ handeln zu können. Zum Begriff der „Banalität des Bösen“ kam sie durch die Berichterstattung über den Gerichtsprozess gegen Adolf Eichman in Jerusalem. Damit wollte sie erklären, wie es dazu kam, dass die „braven“ Familienväter zu Nazis wurden und, dass das Böse von „banalen“, durchschnittlichen Menschen ausgeführt wurde.

Die letzte Philosophin, die hier kurz erwähnt sei, ist Iris Murdoch (1919 – 1999), eine britische Autorin, die philosophisch geprägte Romane, die meist von ethischen oder erotisch-sexuellen Themen handeln, schrieb. In ihren Werken beschäftigte sie sich oft mit dem Kampf zwischen Gut und Böse im Menschen und in der Gesellschaft, mit der Möglichkeit des Glaubens an Gott und mit dem Tod.

Diese neun Philosophinnen stellen nicht die Gesamtheit der Frauen in der Philosophie dar, sind aber eine Grundlage für einige Gedanken darüber, wo die Philosophinnen sind, bzw. wo sie sein sollten.

Wie wir an einigen Beispielen gesehen haben, gab es, trotz der sich durch die Geschichte ziehenden Diskriminierung von Frauen, seit es Philosophie gibt, immer auch Philosophinnen. Dennoch hören wir in den Schulen und an den Universitäten kaum von ihnen. Schon die Tatsache, dass am Institut für Philosophie der Uni Graz seit Wintersemester 2007 nur eine Lehrveranstaltung zu einer Philosophin gehalten wurde, zeigt uns, dass die Frauen in der Philosophie noch immer unterrepräsentiert sind.

Ohne eigenes Interesse lernt man sehr wenig über die Werke von weiblichen Philosophierenden. Das kann zur Folge haben, dass die AbsolventInnen der Philosophie kaum Philosophinnen kennen und, dass sich vor allem junge Absolventinnen der Philosophie schwer mit jemandem identifizieren können. Es scheint, dass es auch deswegen für eine Frau schwierig ist, Karriere zu machen. Jedenfalls gilt: je höher es die wissenschaftliche Karriereleiter hinaufgeht, desto geringer wird der Frauenanteil, nicht nur an der Uni Graz.

Wo sollten also die Philosophinnen sein? Wohin gehören sie? Vor allem und zunächst am Anfang, gehören sie in die Lehre. Mit mehr Lehrveranstaltungen über die Philosophie der Frauen und über die Frauen, die diese Philosophie verkörperten, wird den Frauen in der Philosophie wohlverdiente Bedeutung zugeschrieben und die Situation mit der Zeit hoffentlich verbessert werden.